Was ist eine Magersucht / Anorexie?

Die Magersucht ist die älteste und zumindest vom Namen her bekannteste Essstörung. Sie wurde 1873 zum ersten Mal von Charles Lasegue beschrieben. 'Anorexie' bedeutet im ursprünglichen Wortsinn "Appetitlosigkeit". Diese Bezeichnung an sich ist allerdings irreführend und unzureichend, da es sich bei der Magersucht nicht um einen körperlich bedingten Appetitmangel handelt, sondern um den bewussten Wunsch nach übertriebener Schlankheit, verbunden mit einer extremen Angst vor einer Gewichtszunahme.

90 -95 % der Betroffenen sind Mädchen und Frauen im Alter zwischen 10 und 25 Jahren. Die Zahl steigt jedoch stetig an und zunehmend erkranken auch Jungs und junge Männern an Magersucht. Auffallendstes äußerliches Merkmal der Betroffenen ist die extreme willentlich herbeigeführte Gewichtsabnahme und das dadurch resultierende ausgemergelte Erscheinungsbild, welches häufig durch weite oder mehrschichtige Kleidung kaschiert wird. Durch die Kontrolle des Körpergewichts erleben die Betroffenen Gefühle von Macht und Unabhängigkeit, sie fühlen sich rein, einzigartig und geradezu euphorisch. Zudem sind sie sehr sensibel für die Bedürfnisse Anderer, haben jedoch kaum Zugang zu ihren eigenen Gefühlen, Wünschen und/oder Bedürfnissen und sind für ihre Mitmenschen daher schwer „zu greifen“. Beides wird von Außenstehenden häufig als Arroganz erlebt und führt in vielen Fällen zu einer Isolation der Betroffenen. Soziale Kontakte finden deshalb häufig nur noch in der Ursprungsfamilie statt.

Trotz weitestgehender Nahrungsverweigerung beschäftigen sich Magersüchtige unaufhörlich mit Essen und Kalorien: Sie kochen beispielsweise gern und ausgiebig für andere und drängen diese förmlich zum Essen, lesen ständig Kochbücher oder halten sich bevorzugt in Lebensmittelabteilungen von Supermärkten auf. Sie selbst essen allerdings nur kalorienarme Nahrung wie z. B. Obst und Gemüse in geringen Mengen, manchmal sogar nur Speisen einer bestimmten Farbe. Diese und andere Zwänge, die nicht unbedingt etwas mit dem Essen zu tun haben müssen (z. B. Waschzwang), werden häufig bei Betroffenen festgestellt .

Die chronische Unterernährung führt zu einer Veränderung der Sinneswahrnehmung (Überempfindlichkeit gegen Licht und Geräusche), zu Konzentrationsschwächen und zu einem Verlust der Fähigkeit, auf Körpersignale wie Hungergefühle oder Müdigkeit angemessen zu reagieren.

Insgesamt sind Magersüchtige trotz ihrer Ausgezehrtheit sehr ehrgeizig und leistungsorientiert. Aus dem Wunsch heraus, etwas Besonderes zu sein, haben sie sehr hohe Ansprüche an sich und sind in Schule und Beruf meist überdurchschnittlich erfolgreich. Des Weiteren treibt sie ihr zwanghaftes Bestreben nach Gewichtsabnahme zu sportlichen Höchstleistungen (z. B. mehrere Stunden täglich Schwimmen). Die Waage wird dabei zur wichtigsten Kontrollinstanz.

Bis zum körperlichen Zusammenbruch zeigen Magersüchtige oft keine Krankheitseinsicht. Sie definieren sich selbst über ihr Körpergewicht und eine Gewichtszunahme käme einem Verlust ihrer Identität und ihren Autonomiebestrebungen gleich. Depressive Symptome bis hin zu Suizidgedanken sind bei voranschreitendem Krankheitsstadium zu beobachten, ebenso eine verzögerte psycho-sexuelle Entwicklung und ein verringertes Interesse an Sexualität.

Durch die chronische Mangelernährung sind z.B. Herz-Kreislauf-Störungen, eine verlangsamte Pulsfrequenz mit sinkendem Blutdruck, Nierenschäden und eine erniedrigte Körpertemperatur körperliche Folgeschäden. Dies führt zu einem allgemeinen Kräfteverfall, Müdigkeit, chronische Verstopfungen und einem verstärktem Kälteempfinden.

Die daraus resultierenden hormonellen Veränderungen können sich in Form von trockener, schuppiger Haut, Kopfhaarausfall, brüchiger Nägel, Veränderungen der Körperbehaarung bis hin zum Ausbleiben der Menstruation zeigen.Bei langjähriger Krankheitsdauer kann dies zu anhaltenden Menstruationsstörungen, Störungen der Fruchtbarkeit sowie Osteoporose (Verringerung der Knochendichte) führen.

Diagnose - Kriterien

  • Das Körpergewicht liegt mindestens 15 % unter dem erwarteten, dem Alter und Größe entsprechendem Gewicht (BMI* unter 17,5). Dabei kann es sich um Gewichtsverlust oder ein nie erreichtes Körpergewicht handeln.
  • Der Gewichtsverlust erfolgt willentlich durch die Vermeidung kalorienreichen Speisen, durch übertriebene sportliche Aktivität, den Gebrauch von Appetitzüglern und Diuretika (Entwässerungsmittel) und/oder selbst herbeigeführtes Abführen und Erbrechen.
  • Gewicht und Figur werden verzerrt wahrgenommen. Die Betroffenen erleben sich selbst bei Untergewicht als zu dick und haben panische Angst vor einer Gewichtszunahme.
  • Ständige und intensive gedankliche Beschäftigung mit dem Thema Essen und Gewicht
  • Ausbleiben der Menstruation

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*BMI = Body - Mass - Index.
Dieser errechnet sich aus dem Gewicht (kg) dividiert durch die Körpergröße, zum Quadrat (m)². Werte von 19-24 für Frauen (20-25 für Männer) gelten als schlank, von 25-29 (26-30) als leichtes Übergewicht, von 30-39 als deutliches Übergewicht und ab Werten über 40 als extreme Adipositas (Eßsucht).

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