FAQ > Sucht allgemein

Frauen und Sucht

Unsere langjährige Erfahrungen in der ambulanten Suchtberatung haben immer wieder bestätigt, dass Sucht als Krankheit, als Versuch von Entlastung und Bewältigungsstrategie, als Versuch der Selbstmedikation oder als Protest und Lebensgestaltung nicht neutral zu betrachten ist. Sucht und Abhängigkeit von Mädchen und Frauen sehen wir in einem deutlichen Zusammenhang zu weiblichen Lebenswelten. Deshalb berücksichtigen und hinterfragen wir diese.

Wir gehen davon aus, dass nach wie vor in unserer Gesellschaft die Zuschreibung eines Geschlechts an bestimmte Erwartungen und Vorstellungen gekoppelt sind. Frauen haben gelernt sich anzupassen, ihre Wünsche und Bedürfnisse zurückzustellen, für andere da zu sein und nicht aufzufallen. Frauen leben ihre Sucht häufig „leiser“, unauffälliger. Meist konsumieren sie im Verborgenen, zu Hause.

Oft liegen Ursachen für eine spätere Abhängigkeit schon in der Kindheit. Seelische und körperliche Gewalt sowie erlebte Traumata sind bei der Entstehung einer Sucht entscheidend. In der Biographie der Frauen und Mädchen, die zu uns in die Beratungsstelle kommen, haben rund drei Viertel traumatische Erlebnisse in Form von sexualisierter und/oder körperlicher Gewalt von Männern erlebt und damit eine extreme Verletzung ihrer weiblichen Identität erfahren. Dies bestätigt unsere Beobachtung, dass Frauen häufig neben ihrer Suchtmittelabhängigkeit zusätzlich an Depressionen, massiven Ängsten und Panikattacken leiden.

Frauensucht wird oft als heimliche Sucht beschrieben. Sie wollen nicht aus der Rolle fallen, sind bemüht, so lange wie möglich zu funktionieren, suchen die Schuld häufig nur bei sich selbst und begeben sich aus Scham- und Schuldgefühlen oft sehr spät in professionelle Hilfe. Schon bei Mädchen lässt sich dies beobachten. Das Konsumverhalten von Mädchen äußert sich immer noch weniger auffallend als bei Jungen. Sie werden von ihrer Umwelt später konfrontiert und tauchen weitaus später in Beratungsstellen auf. Gerade aber eine möglichst frühe Auseinandersetzung mit einem kritischen Konsum ist wichtig, um einer Abhängigkeitsentwicklung auch möglichst früh entgegen zu wirken.

Mit unserer Online-Beratung erhoffen wir uns, Mädchen und Frauen früh zu erreichen. Wir wollen sie zu ermutigen, sich mit ihrem eigenem Konsum- oder problematischem Essverhalten – oder dem ihrer Freundin, ihres Freunds, ihres Familienangehörigen – auseinander zu setzen. Unser zentrales Anliegen unserer beratenden, pädagogischen und therapeutischen Angebote ist die Förderung der persönlichen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Nur durch einen Zuwachs an Autonomie sind Schritte in ein zufrieden stellendes suchtfreies leben realisierbar.

Was ist zu tun, wenn Zeichen einer Sucht auftreten

Allgemein gilt – NIEMAND gibt gern zu, ein Suchtproblem zu haben! Die Entstehung von Sucht ist in der Regel ein mehr oder weniger langer Prozess, der von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. In jeder individuellen Suchtgeschichte – trotz allen, manchmal gravierenden Unterschieden – ist immer ein Zusammenspiel von familiären (teilweise genetischen), sozialen und (sub-)kulturellen Aspekten zu beobachten. In der Regel wird ein problematischer Konsum von Alkohol, sonstigen Substanzen oder ein gestörtes Essverhalten lange bagatellisiert oder gar als „normal“ betrachtet. (Tun doch sowieso alle, oder?!)

Umbruchsphasen, bzw. bedeutende Veränderungen der Lebensumstände, wie z.B. das Verlassen des Elternhauses, Wechsel der Schule, bzw. Anfang von Ausbildung, Trennung vom Partner/der Partnerin, Verlust des Arbeitsplatzes usw., lassen sich häufig zu Beginn einer Suchterkrankung erkennen. In solchen Situationen können Alkohol, Drogen, Tabletten oder der Beschluss, eine Diät zu machen, erstmal als eine Erleichterung, bzw. als eine angenehme Abwechslung empfunden werden. Bei Mädchen und Frauen spielt auch der Wunsch sich anzupassen, den Erwartungen der Umgebung (die manchmal sehr widersprüchlich sind) gerecht zu werden, eine große Rolle.

Daher ist es wichtig, sich Klarheit zu verschaffen!

Ein aufmerksamer, respektvoller Umgang mit sich selbst ist eine der wesentlichen Voraussetzungen eine Sucht vorzubeugen, oder, falls das Problem schon entstanden ist, ein entscheidender Bestandteil der Genesung.

Information – gibt es im Internet (siehe Links), Beratungsstellen, usw.

Clearing – die Situation realistisch einschätzen – sprechen mit Betroffenen, mit Fachkräften.

Hilfe holen – lieber zu früh, als zu spät! Manchmal bringen die eigenen Bemühungen oder die gut gemeinten Ratschläge von Familie und Freunden nicht wirklich weiter, dann ist es sinnvoll, sich professionelle Unterstützung zu holen. Auch wenn die Grenzen zwischen problematischem Gebrauch, schädlichem Gebrauch und Abhängigkeit fließend sind, hat Sucht außer den körperlichen Komponenten immer eine Auswirkung auf die „ICH-Struktur“, d.h., sie betrifft die gesamte Persönlichkeit.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Das Suchthilfesystem ist inzwischen sehr differenziert, was ermöglicht für jeden die passende Hilfeform zu finden.
Bei der Entscheidung, welche Behandlung notwendig ist, wird zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit unterschieden: Der körperliche Entzug dauert zwischen einigen Tagen bis hin zu einigen Wochen (insbesondere bei Tabletten). Es ist ratsam, den Entzug von einem Arzt begleiten zu lassen, unter Umständen ist ein stationärer Klinikaufenthalt unumgänglich da beispielsweise die Begleiterscheinungen beim Entzug von Alkohol lebensbedrohlich sein können.

Langwieriger ist die Überwindung der psychischen Abhängigkeit. Dies stellt eine enorme Herausforderung dar, da es vor allem darum geht Lebensgewohnheiten aufzugeben und sich neue zu erarbeiten. Weiter gilt es, die Ursachen der Suchterkrankung zu bearbeiten. Unterstützung bei der Überwindung der psychischen Abhängigkeit bieten Suchtberatungsstellen, zusätzlich besteht die Möglichkeit einer ambulanten, teilstationären oder stationären Therapie, die unterschiedliche Schwerpunkte und Dauer haben können.

Die Überwindung einer Sucht bedeutet Zuwachs an persönlicher Autonomie, Handlungsfeigheit und Freiheit, was auch eine Entwicklung der gesamter Persönlichkeit bedeutet.